Mit Max Platzer (CSU) bekommt Gauting einen neuen Bürgermeister und zugleich den (knapp) jüngsten der Ortsgeschichte (37, Ekkehard Knobloch war gerade 38 Jahre alt bei Amtsantritt 1978). Er hat mit 59,1 % der Stimmen und knapp 1.700 Stimmen Vorsprung in der Stichwahl ein überzeugendes Mandat von den Gautinger Bürgern übertragen bekommen (zur Erinnerung: die damalige Bürgermeisterin Dr. Brigitte Kössinger kam bei ihrer Wiederwahl 2020 nur gerade auf 100 Stimmen Vorsprung).
Max Platzer war bei der Bekanntgabe des Ergebnisses sichtlich stolz und emotional berührt, aber zugleich auch voller Respekt vor der kommenden Aufgabe. Einerseits ist er zwar mit bereits 18 Jahren im Gemeinderat in der Kommunalpolitik schon sehr erfahren, aber die Verantwortung und Führung einer Verwaltung mit über 100 Mitarbeitern und kompetenten und selbstbewussten Abteilungsleitern ist eine Aufgabe, die sich für ihn erstmals stellt.
Die Bürger haben es ihm zugetraut. Er konnte im Wahlkampf offenbar vermitteln, dass er wirklich für die Aufgabe „brennt“, sich mit Herz und Kompetenz voll für Gautings Entwicklung einsetzen wird und zugleich mit seiner bodenständigen Art realistisch und zupackend an die Themen herangehen will. Der Vorwurf seines Konkurrenten Dr. Matthias Ilg (Bündnis90/Die Grünen) im Starnberger Merkur, Platzer „sei von oben herab“ (17.3.26) hat offenbar bei den Bürgern nicht verfangen und vielleicht auch mit zu dem sehr eindeutigen Ergebnis geführt.
Platzer kann sich auf eine größer gewordene, allerdings personell deutlich veränderte CSU-Fraktion im Gemeinderat stützen. 11 statt bisher 9 Gemeinderäte, davon 7 erstmals dabei. Die CSU-Liste war mit 43 Jahren Durchschnittsalter bereits die jüngste Gruppe, viele Wähler haben die jungen Kandidaten nach vorne gewählt, die Fraktion hat ein Durchschnittsalter von nur 35 Jahren.
Was kommt auf den neuen Bürgermeister zu, was dürfen die Gautinger erwarten?
Unser Überblick über Herausforderungen und Möglichkeiten, ein erstes „Chancenheft“ für den neuen Bürgermeister und Gemeinderat.
Eine neue Art der Kommunikation
Ungezählte Besuche bei den Bürgern an den Haustüren, ein moderner und zeitgemäßer Auftritt in digitalen und sozialen Medien zeigen bereits die Handschrift: eine deutliche Verbesserung der Kommunikation gegenüber den Bürgern ist das Versprechen von Max Platzer.
In den letzten Wochen wurde immer wieder deutlich – viele Bürger wünschen sich nicht nur formal korrekte „Beteiligung“, sondern vor allem auch eine für normale Bürger verständliche und frühzeitige Information und Einbeziehung bei wichtigen Themen. Hier kann der Bürgermeister schnell etwas bewegen:
- Bei Anfragen ans Rathaus sollte eine unmittelbare Eingangsbestätigung (wie bei den meisten Unternehmen schon lange selbstverständlich) erfolgen,
- Chatbots rund um die Uhr sind bei einfachen Anfragen und Auskünften problemlos möglich.
- Wichtig: immer – auch wenn Anregungen oder Wünschen nicht gefolgt werden kann – wertschätzend und zeitnah antworten.
- Als Bürgermeister auf FB, Insta weiter authentisch präsent sein, Landrat Stefan Frey ist ein gutes Vorbild. 2026 ist das nicht mehr „nice to have“, sondern elementar wichtig
Übergreifend: „Der Ton macht die Musik“ sollte nie vergessen werden!
Ohne Moos nix los – was kommt auf die Bürger zu?
Die Geldsorgen der Gemeinde werden gewiss nicht kleiner, auch der neue Bürgermeister wird sie nicht wegzaubern können. Im Gegenteil – die Aufstellung des Gemeindehaushaltes wird bereits 2027 wesentlich schwieriger als es in der Vergangenheit schon war. Die von der Gemeinde nicht beeinflussbaren Belastungen – an erster Stelle die Kreisumlage als größer Brocken im Haushalt, höherer Aufwand beim Personal durch üppige Tarifabschlüsse, Kostensteigerungen in vielen anderen Bereichen – sind gewiss. Was ist zu tun:
- Die „einfachen Antworten“ sind schon gegeben – Anpassung von Gebühren und Beiträgen nach langen Jahren der Stabilität, die Erhöhung der Grundsteuer um 20 % (im Durchschnitt), schmerzhafte Kürzungen von Zuschüssen für Vereine, Musikschule und ehrenamtlichen Initiativen. Das kann man nicht jedes Jahr wiederholen.
- Wichtige Institutionen, aber alles freiwillige Leistungen – das Sommerbad, das Bosco, JuZ, Gemeindebibliothek usw. — will niemand in Frage stellen, sondern erhalten. Das wünschen sehr viele Bürger und das wollen alle politischen Gruppen. Hier ist Kreativität gefragt, auch wenn die Rechtsaufsicht im Nacken sitzt („Wenn die Pflichtaufgaben nicht erbracht werden können, sind freiwillige Leistungen zu reduzieren“).
- Deshalb: auch unangenehme Fragen stellen — es wird viel von der Verwaltung erwartet, neue Aufgaben kommen immer wieder dazu. Aber ein neuer Bürgermeister hat auch eine Chance: mit frischem Blick schauen, ob es Effizienzreserven gibt und vielleicht Stellen geschaffen wurden, die nicht zwingend erforderlich sind? Eine grundlegende Überprüfung der Effektivität und Effizienz der Abläufe in der Gemeindeverwaltung hat seit Jahren nicht stattgefunden.
- So wie viele Unternehmen daran gehen, durch den Einsatz von KI Abläufe beschleunigen zu können? Klar, sicher nicht einfach aufgrund von vielen Rechtsvorschriften usw. Aber bei internen Abläufen, vielen Dokumentationsaufgaben, Berichtspflichten usw. geht da sehr viel. Etliche Kommunen in Deutschland haben sich längst auf die Reise gemacht. Gauting, es wird Zeit!
Gewerbe entwickeln – aber jetzt bitte mit Speed!
Man kann der scheidenden Bürgermeisterin Brigitte Kössinger wahrlich nicht vorwerfen, dass sie sich nicht für die Schaffung von Gewerbegebieten eingesetzt und wichtige Erfolge (Handwerkerhof) erzielt hat. Aber um das Schlüsselprojekt für zusätzliche Gewerbegebiete, und für neue (!) Gewerbesteuerzahler – der Galileo-Park am Flughafen – ist es sehr still geworden, der Ball liegt wohl beim Landratsamt wegen der Herauslösung aus Wasserschutzgebieten. Hier muss der neue Bürgermeister Dampf machen und bei Landrat Stefan Frey für eine andere Geschwindigkeit sorgen.
Und beim begonnenen Projekt gegenüber vom Handwerkerhof jetzt endlich den Bebauungsplan finalisieren. Und nach neuen Möglichkeiten suchen (zB. entlang der Grubmühlerfeldstraße).
Ja, es ist schwierig. Aber mit Entschlossenheit, Schwung und pragmatischen Ansätzen kann schneller mehr gelingen.
Kindergärten und Ganztagsbetreuung
Gauting ist eine familienfreundliche Gemeinde und als Wohnort begehrt. Die Versorgung mit Kindergärten und ab 2026 auch mit der wachsenden Ganztagesbetreuung für die Grundschüler ist Pflicht und zentrale Aufgabe. Gut ist, dass es zuletzt ausreichend Plätze für alle Kinder gab!
Das bleibt aber kontinuierliche Aufgabe, hier darf man nicht nachlassen.
Patchway Anger – endlich bezahlbaren Wohnraum realisieren
Gerade mit Blick auf die Kindergärten – wenn wir am Ort viel zu wenig Wohnraum haben, den sich auch Menschen mit „kleinem Einkommen“ leisten können, darf man sich nicht wundern, wenn man Stellen nicht besetzen kann. Nach über 10 Jahren – dieses Jahr endlich mit den Bebauungsplänen für das ehemalige AOA und Umfeld zum Ende kommen!
Und nach neuen Chancen suchen – das Mooritz am Bahnweg ist ein gelungenes Beispiel. Private Bauherren ermutigen und unterstützen!
Ortsentwicklung – beharrlich bleiben und Chancen suchen
Vieles steht in privatem Eigentum (Beispiel: das Areal um das Hotel Simon oder in Stockdorf entlang der Würm) und da kann die Gemeinde vor allem unterstützen. Aber der Bahnhof oder der „Wunderl Hof“ an der Starnberger Straße sind Gemeindeeigentum. Hier und an anderen Stellen bieten sich Chancen, Erlöse zu generieren, um wichtige Investitionen für den Ort mit finanzieren zu können. Das verschönert das Ortsbild und idealerweise führt es zu attraktiven öffentlichen Nutzungen (zB. beim Bahnhof sehr wünschenswert).
Verkehr, Infrastruktur, Feuerwehrhaus….
Straßen in Ordnung halten, Gemeindegebäude energetisch sanieren, ein neues Feuerwehrhaus bauen…. Mit 100 Mio. € Investitionsstau wird nur Mangelverwaltung bleiben, „kreatives Durchwursteln“, Fördertöpfe finden und kleine Schritte tun, damit es nicht noch schlechter wird und erste Verbesserungen erreicht werden. Natürlich wird es aus dem Sondervermögen Infrastruktur des Bundes auch für Gauting etwas geben, aber eine grundlegende Lösung der Probleme wird damit nicht möglich sein.
Windkraft, Geothermie und Kommunaler Wärmeplan – mehr Realismus erforderlich
Beim Thema „erneuerbare Energien“ hat Gauting bislang keine richtige Erfolgsgeschichte geschrieben.
- Das Thema Windkraft – in der Bevölkerung hochumstritten – ist vermutlich auf Gautinger Ortsgebiet erledigt. Hier ist durch völlig falsche Einschätzung der Stimmung in der Bevölkerung viel Porzellan zerschlagen worden.
- Bei der in der Bevölkerung dagegen sehr beliebten Geothermie ist die Sachlage unklar, die Silenos scheint es möglicherweise nicht hinzubekommen. Jetzt gibt es voraussichtlich neue seismische Untersuchungen von einer Tochter der Pullacher Geothermie-Gesellschaft. Bei der Geothermie muss deutlich besser kommuniziert werden. Und die Gemeinde, die selbst die Geothermie mangels Finanzkraft nicht stemmen kann, muss strategisch klüger vorgehen, sonst endet das im Nichts.
- Und die – von ZukunftGAUTING sehr kritisierte – Kommunale Wärmeplanung wird spätestens im Januar 2027 wieder auf den Prüfstand gestellt. Eine Chance für den neuen Bürgermeister, hier grundlegend neu anzusetzen.
Bislang ist das alles kein Ruhmesblatt für die Gemeinde Gauting, auch wenn sie oft nur aus dem Beifahrersitz heraus agieren kann.
Ein wenig mehr „Palmer wagen“?
Nicht nur Gauting, ganz Deutschland und insbesondere die Kommunen ächzen unter der immer komplexer werdenden Bürokratie, Zuständigkeiten und Verfahrensvorschriften, die oft nichts nutzen, unverständlich sind und – wie es auch in Gauting vielfach zu beobachten ist – vernünftige Vorhaben ins Unendliche verlängern. Dr. Brigitte Kössinger ist eine exzellente Verwaltungsjuristin, ihr war die penible Einhaltung aller Vorschriften und Regeln immer ein sehr wichtiges Anliegen. Max Platzer ist kein Jurist, kann das vielleicht auch ein Vorteil sein?
Der kontroverse, aber in seiner Bevölkerung außerordentlich populäre Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat am 15.März 2026 in der Sonntag-FAZ hierzu gesagt:
„Meine Verwaltung trägt mir täglich die schwer entscheidbaren Sachverhalte vor. Wenn die Fachleute mich fragen, ob sie etwas wegen einer Vorschrift auf eine Weise tun sollen, die sie selber nicht für richtig halten, dann frage ich als Erstes: Was ist die Konsequenz, wenn wir es besser machen? Wenn die Antwort lautet: Gefängnis, dann antworte ich: Okay, dann machen wir es halt falsch. Wenn die Antwort lautet: schlechte Presse, sage ich: Sofort machen, das ist mir wurscht. Wenn die Antwort ist: Es wird zwei Jahre später der Beauftragte für dieses oder jenes kommen und das monieren, sage ich auch: Sofort machen, ist mir wurscht. Das heißt, ich nehme die Verantwortung für den Ärger ins Kreuz.“
Ob Max Platzer sich von dieser Grundhaltung ein Stück abschauen wird? Soll man ihn ermutigen? Werden die Bürger akzeptieren, wenn der Bürgermeister pragmatisch handelt und das Vernünftige tut, auch wenn der Wust an Regeln das Unvernünftige verlangt?
Die Gautinger Bürgergesellschaft mobilisieren!
Gauting ist eine finanzschwache Gemeinde, aber es leben hier viele Bürger mit überdurchschnittlichem Einkommen. Kann man sie viel stärker als bisher dafür mobilisieren, sich für und am Ort auch finanziell zu engagieren?
Ja, es gibt seit langem die Sozialstiftung der Gemeinde, die einen mittleren sechsstelligen Betrag im Jahr erwirtschaftet (im wesentlichen Vermietungserlöse). Und für die auch jedes Jahr etliche Bürger spenden (mittlerer fünfstelliger Betrag). Aber eine dynamische Entwicklung hat sie nicht, sie wird von der Verwaltung korrekt administriert und erfüllt wertvolle Aufgaben auf kontinuierlicher Basis.
Aber es geht auch schwungvoller. Der 2021 gegründete Förderverein für das Sommerbad ist in kurzer Zeit auf 300 Mitglieder angewachsen und erbringt substanzielle Beiträge im mittleren fünfstelligen Bereich für die Erhaltung des Bades, das ist für den Gemeinderat bei der Haushaltsplanung relevant.
Geht hier deutlich mehr? Könnte in Gauting eine Bürgerstiftung wie in anderen Orten entstehen (420 soll es in Deutschland geben), die substanzielle Mittel für freiwillige Leistungen erwirtschaften kann?
Gauting braucht kreative Ideen. Vom jungen, neuen Bürgermeister, aber auch aus dem Gemeinderat und der Bürgerschaft.
Radikale Gruppen von links und rechts im Gemeinderat – wie wird ihn das verändern?
7 ganz unterschiedliche Fraktionen gab es bislang im Gemeinderat, vier mit Parteibindung, drei lokale Gautinger Gruppen.
Bei aller Unterschiedlichkeit – es gab ein wertschätzendes Miteinander, alle bemühten sich immer um sachliche Lösungen für die Gautinger Bürger und eine gute Entwicklung des Ortes. Anders als bei der CSU sind bei den anderen Gruppen nur wenige Veränderungen im Gemeinderat zu beobachten. Alle Gemeinderäte von MfG/Piraten, MiFÜ, FDP und SPD waren schon im vorherigen Rat, bei den Grünen immerhin vier von sieben. Und sie haben natürlich den Wunsch, dass dieser Stil unter den Gemeinderäten so bleibt. Wie es auch den sachlichen und respektvollen Wahlkampf geprägt hat, was von vielen Bürgern sehr positiv vermerkt wurde.
Jetzt sind aber auch Vertreter von Parteien vom ganzen rechten und linken Rand des Parteienspektrums im Gemeinderat vertreten (2 AfD, 1 Linke). Im Wahlkampf waren sie kaum wahrzunehmen, ein erkennbares Interesse an und kompetente Beiträge zu Gautinger Fragen Fehlanzeige. Dafür allgemeine Parolen entlang der Parteilinie an den Straßenlaternen.
Wie wird sich das auswirken, wie wird sich das Klima im Gemeinderat verändern, welche Herausforderungen werden auf den Bürgermeister als Vorsitzender im Rat bei der Leitung der Sitzungen kommen?
Das ist derzeit offen. Es bleibt zu wünschen, dass die Diskussions- und Entscheidungskultur angesichts der großen Herausforderungen für Gauting keinen Schaden nimmt.
Max Platzer hat große Aufgaben, aber auch Chancen!
Max Platzer ist ein junger Bürgermeister. Wenn er es selbst möchte, kann er sich natürlich auch zur Wiederwahl stellen. Die Wahlergebnisse anderenorts in Bayern haben gezeigt – der „Amtsbonus“ spielt keine große Rolle mehr. Um wiedergewählt zu werden, muss man etwas bewegen, nah und authentisch bei den Menschen sein und aus Sicht der Wähler einen Unterschied machen. Landrat Stefan Frey ist dafür ein positives Beispiel.
Sechs Jahre Mangelverwaltung, Unzufriedenheit über die Kommunikation und das Gefühl in der Bevölkerung – berechtigt oder unberechtigt – wenig geht voran, das wird kein Erfolgsrezept sein.
Das „Chancenheft“ ist voll, aber Max Platzer wird sich etwas trauen müssen. Dafür kann man ihm im Interesse aller Gautinger Bürger Mut, eine glückliche Hand und den nötigen Schuss Fortune wünschen!